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Facebook für Tote

Als ich neulich mit einem Bekannten über kommende Trends und Hypes des Internets fabulierte,  hatte ich ein dutzend Ideen und er nur eine – den Internetfriedhof- the next big thing. Irgendwie wollte ich das nicht so ganz kaufen, denn wen interessiert es schon, was nach seinem Ableben mit seinem digitalen Fingerabdruck im Internet passiert?

Scheinbar doch eine  ganze Menge Leute, oder zumindest genügend um daraus ein Geschäft zu machen – die digitale Unsterblichkeit. Was dem Pharao die Pyramide, soll zukünftig dem Nerd der Internet Friedhof Stay Alive sein.

Dabei ist die Website bislang noch eher dürr bestückt. Wer sich kostenlos bei Stay alive anmeldet, bekommt quasi einen Art Facebookaccount mit Sonderfunktionen. Da wäre zum Beispiel – neben den üblichen Features wie Bilder hochladen und eine eigene Seite gestalten – die Möglichkeit einen Stammbaum mit den lieben Verwandten anzulegen. Per Geotagging wird die Position der Grabstätte verortet – wenn sie denn schon bekannt ist. All dies ist nicht sooo spektakulär, aber eine Funktion hat dann doch etwas von dem, was ICH mir unter der digitalen Unsterblichkeit vorstelle. Ein Datentresor nämlich, der nach Vorgabe Daten an vordefinierte Personen freigibt – oder eben auch nicht. Der Verblichene kann also aus dem Reich der Toten heraus dafür sorgen, dass wichtige Passwörter von Linuxservern an eine Person ( oder Organisation??) seiner Wahl verteilt wird.

Die Möglichkeiten, die mir da so in den Sinn kommen sind vielfältig:

  • Helmut Kohl könnte endlich mal mit der Liste der Spender rausrücken – oder ob es überhaupt welche gab.
  • Julien Assange könnte seine Insurance Datei ablegen, ohne zu befürchten, dass einer seiner Super-Nerd-Geek-Fans sie nicht doch noch vorher knackt.
  • Osama Bin Laden könnte uns mal höchstpersönlich verraten, wo er sich all die Zeit so rumgetrieben hat – falls er nicht schon zu Staub zerfallen ist.
  • ….und sämtliche Betreiber sämtlicher Server, Blogs und sonstigen Passwort geschützten Zugängen könnte dafür sorgen, dass die Firma in der sie gerade als Admin arbeiten nicht Insolvenz anmelden muss, nur weil keiner sonst die ganzen Codes kennt.

Für jeden ist also was dabei. Jedem fällt dazu bestimmt etwas anders ein, dass er gerne nach dem Ableben eines anderen greifbar hätte – oder vielleicht liebr auch nicht.

Natürlich kann man auch ganz altmodisch Briefe an jeden schreiben und dann in die Nachtischschublade legen. Da steht dann der Code vom Haustresor, die PINs und TANs, wo das ganze Schwarzgeld liegt und was weiss ich nicht noch. Blöd nur, wenn sowas mal von den Kindern, der Frau, dem netten Beamten bei der Begehung des Hauses  ( nachdem der bösen Einbrecher während des Urlaubs bereits die ganzen Briefe mit den Kreditkartendaten mitgenommen haben). Vielleicht findet es ja auch die Frau einen Tag vor der Scheidung. Oder der drogensüchtige Freund der Tochter.

Mit Sicherheit finden solche Sachen immer die falschen Leute und daher ist es legitim, darüber nachzudenken um man das nicht auch irgendwie auf zeitgemäßen Weg regelt oder ob man stattdessen Zeichen in Tonplatten ritzt.

Also, das Überleben der digitalen Identität wird mal eine ernstzunehmene Killerapplikation der Zukunft ( was fürn Wortspiel, hey).

Der nächste Schritt

Ich habe mir das immer so vorgestellt, dass so viele Informationen wie möglich aus dem Leben gesammelt werden. Bilder,Videos,Handydaten,Kreditkartendaten usw. Das kann dann später einer künstlichen Intelligenz ermöglichen, daraus ein Art digitales Gehirn zu erzeugen, was dem des Menschen entspricht. Je mehr Material diese künstliche Intelligenz von einem Menschen hat, desto besser kann sie sein Wesen nachahmen.

Bilder sind schon mal ein Anfang, Videos wären wohl noch aussagekräftiger. Vielleicht wird es auch mal ein paar Standardsituationen geben, die dem System überliefert werden müssen um das Wesen, Charakter und Intelligenz eines Menschen nachzubilden. Natürlich an dem Punkt seines Lebens, an dem es dem Benutzer am besten gefällt. So wie man sich auch seinen Körper an einem bestimmten Punkt wünschen würde, wenn man ihn wie ein Ersatzteil nachbauen könnte. Kann man auch irgendwann, aber dazu ein ander Mal.

Also die digitale Wiederauferstehung sollte im besten Alter festgelegt werden. Obwohl – das bedeutet, ab da an geht es nur noch bergab!

Wenn ich also festlegen würde, dass mein digitales Alter Ego so , sagen wir mal 35 Jahre alt sein soll- also nicht mit Informationen gefüttert werden, die ich NACH diesem Zeitpunkt gemacht habe, dann würde dem System eine Art Gedächnisschwund befallen. Nämlich alles was mir ab diesem Zeitpunkt zugestosssen ist. Mein Ziel ist es ja, einen Art Avatar zu erschaffen, der sich so verhält, wie ich es auch getan hätte. Da man aber über die Jahre immer wieder neue Erfahrungen sammelt und diese in das Verhalten einfliessen. ( Hundefreund wird vom Hund gebissen,  Holla,  dieses Snowboarding geht ganz schön auf die Knochen…), wäre es falsch dem Avatar dieses Wissen mit auf den Weg zu geben.

Problematisch wöäre es allerdings, wenn das System neue,andere Erfahrungen sammeln und sich somit in eine andere als die eigene Richtung entwickelt. Dann könnte es passieren, dass er genau das Gegenteil von dem tut was man selbst getan hätte. Paradox.

Also muss es an einem Zeitpunkt einen Schnitt geben. Dann dürfte das Alter Ego auch noch nichts von seinem Tod und seine Umstände wissen. Denn wäre das anders, würde es sich ja auch entsprechend verhalten und z.B. mit dem Pilzesammeln aufhören, oder endlich mal den Führerschein abgeben. Oder eben doch nichts mit der besten Freundin der Frau anfangen… jaja, wenn man immer vorher wüsste, wie die Sache ausgeht, da würde man sich wohl einiges ersparen, oder?

Also, wir haben jetzt das Wesen des Alter Egos. Geprägt durch die individuellen Erfahrungen und Anlagen. Geburt, Eltern, Schule, erstes Auto – soweit so gut.

Das Wissen, dass Mr. Avatar dann zu diesem Zeitpunkt hat ist nur eine Sache von Daten, die abgerufen werden müssen.

So, jetzt könnte ich mir so ein hübsches 3-D Hologramm wie aus Star Wars vorstellen, lebensgroß oder auch kleiner mit dem man interagieren kann. Man kann so dem Verstorbenen noch die ein oder andere Frage stellen. Sei es was sein Wissen angeht oder um seinen Rat zu hören. So eine digitale Wiederauferstehung birgt natürlich einen großen Suchtfaktor für manche Leute, man müsste auch befürchten, dass man manche Nervensägen ( Siehe Liste oben) vielleicht nie loswird. Die könnten dann jahrtausende ihre kruden Theorien verbreiten und dafür sorgen, dass sie nicht in Vergessenheit geraten. Da sie keine Körper hätten, gäbe es keine Ermüdung und keine Altersmilde. Diktatoren, Popstars und Promis könnten bis in alle Ewigkeit wirken und angebetet werden.

Nordkorea müsste nicht alle paar Jahre den Präsi gegen seinen Sohn austauschen. Michael Jackson wäre endlich wieder der Alte. Elvis wäre wieder schlank, Jimi Hendrix und Barry White wären wieder da und würden neue Songs machen.

Man selbst erwirbt also die Gewissheit, dass man auch über den Tod hinaus wirken kann – mit all den guten und schlechten Seiten.

Klingt alles nach Science Fiction, ich weiss. Stay Alive ist auch noch weit entfernt eine solche künstliche Identität zu schaffen, aber vielleicht ist das ja eines Tages das Ziel. Dazu braucht es natürlich mehr als SQL Datenbanken und Geotagging.

Bei facebook jedenfalls, kann sich keiner sicher sein, was passiert, wenn er nach dem dritten Mal nicht die AGB Änderung bestätigt hat. Facebook interessiert sich auch nicht für Tote, denn die kaufen dort nichts mehr und klicken auf keinerlei Anzeigen. Für facebook sind unaktive User also nur noch Ballast, die Speicher und Bandbreite kosten.

Ausserdem ist die Tresorfunktion interessant als Backup, so wie ein Schweizer Bankkonto. Das mit dem virtuellen Alter Ego kann ja noch werden. Die Zeit bleibt nicht stehen.

Die „kostenlose Gedenkstätte“ gibt es derzeit noch wie Grundstücke auf dem Saturn. Vielleicht ist es auch von Vorteil, dass der Dienst noch nicht hochgehypt wurde. Hier lassen sich sicher noch einige interessante Namen „grabben“ und später zu Geld machen oder für Werbezwecke nutzen. Die Anmeldung kostet nix und man tut sich nicht weh dabei, noch irgend einen Account zu haben.

Jaja ich weiss das ist alles etwas pietätlos, aber wir sind ja hier beim Marketing und nicht im Kindergarten. Fürs echte Grab bleibt nur der Stein, ist doch klar. So, wie es schon die alten Ägypter gemacht haben.

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